Wann: 30. Oktober bis 1. November 2025, jeweils 9:00–20:00 Uhr
Wo: Im Bistro von Karl der Grosse, Zürich
Kultur der Vielfalt: Agroforst ist Zukunft
© Foto: Nicolas Bovet, Agridea
Das Bodenleben leidet, wenn auf grossen Flächen nur eine Pflanze wächst. Monokulturen sind für produzierende Betriebe deshalb nur rentabel, wenn nicht kostenwahr gerechnet wird. Die Abhilfe? Mehr Bäume.
Die Landwirtschaft steht vor der Herausforderung, in Zukunft mehr zu produzieren, um die Bedürfnisse der steigenden Weltbevölkerung zu decken. Gleichzeitig sollen die natürlichen Ressourcen geschont und der Zustand der Umwelt verbessert werden. Weltweit wird intensiv nach Möglichkeiten gesucht, der abnehmenden Bodenqualität und zunehmend irregulären Klimaphänomenen auf produktive Arten zu begegnen. Der Anbau landwirtschaftlicher Produkte in Systemen nach dem Agroforst-Konzept ist eine dieser Arten. Sie gilt als sehr vielversprechend, doch erfordert sie zu Anfang hohe Investitionen, was viele Landwirt:innen abschreckt.
Was Agroforst bedeutet
Das Wort Agroforst verrät bereits, wie das Konzept funktioniert: Auf landwirtschaftlichen Flächen werden Bäume kultiviert und darunter möglichst vielfältige Feldfrüchte angebaut. Die Symbiose zwischen den Wurzeln der Bäume und den Feldfrüchten – von Kartoffeln über Erbsen bis Weizen – sorgt für Nährstoffreichtum und in der Folge für ein vielfältiges Bodenleben. Der herbstliche Laubfall wirkt wie Dünger. Überdies kann der von den Wurzeln befestigte und von den Kronen beschattete Boden deutlich mehr Wasser speichern. Mit einem grossen Agroforst kann gar das Mikroklima in einem Gebiet beeinflusst werden.

© Foto: David Dellas in Arbres et Climat Le champ des possibles, 2019 , Link zur Broschüre)
Natürlich ist Agroforst nichts Neues. Unter dem Namen Dehesa ist das Konzept auf extensiv wirtschaftenden Betrieben in Spanien bekannt und beliebt (in Portugal kennt man es als Montado). Die Dehesa entstand bereits vor über 4000 Jahren als sogenanntes agrosilvopastorales System mit kombinierter Nutzung von Bäumen, Weidevieh und zeitweilig Ackerkulturen. Sie war mithin genau das, was heute als Agroforstwirtschaft verstanden wird. Weil in Spanien die Böden oft sehr karg sind, spielen in der Dehesa auch die Tiere als Düngerlieferanten eine wichtige Rolle. Sie fressen Fallobst und Gras und geben dem Boden die verdaute Materie als aufgeschlüsselte Nährstoffe zurück.
Eine exklusiv iberische Erfindung ist die Dehesa jedoch nicht. Im Rahmen der neolithischen Revolution und der Sesshaftwerdung des Menschen war Agroforst die naheliegendste Art der Kultivierung von Feldfrüchten. In der bis vor wenigen Jahrzehnten noch bäuerlich geprägten Schweiz waren Obstbäume die Wahl, wenn es um die «obere Etage» der landwirtschaftlichen Produktion ging.

© Foto: Edi Hilpert, Agridea
Vom Hochstamm zum Kahlschlag
Weil irgendwann viel zu viel Obst produziert wurde, als die Schweizer Bevölkerung konsumieren konnte, wurde ein grosser Teil der Früchte zu Alkohol gebrannt. Im Zuge einer umfassenden Kampagne gegen den Alkoholismus in den 1950er-Jahren fällte man schliesslich rund 11 Millionen Obstbäume. Die Flächen wurden zu Monokulturen, die heute unter den üblichen Zerfallserscheinungen intensiver Bewirtschaftung leiden. Oder sie wurden längst überbaut.
Derzeit versuchen Forscherinnen und Forscher, das Blatt zu wenden und Bäume in der Fläche wieder Praxis werden zu lassen. In verschiedenen Regionen der Schweiz entstehen Pilotanlagen, die zeigen, wie Agroforst in der Praxis funktioniert. Im Aargau werden Nuss- und Obstbäume in Streifen auf Ackerflächen gepflanzt, um Windschutz zu bieten und gleichzeitig neue Produkte zu liefern. Im Jura experimentieren Landwirte mit Weide-Agroforst: Kühe grasen zwischen Baumreihen, finden in Hitzeperioden Schatten und verbessern Nährstoffkreisläufe. Und im Gemüsebau rund um den Zürichsee setzen Bio-Betriebe auf Hecken und Strauchstreifen, die den Boden vor Erosion schützen und die Biodiversität steigern.
Die Beispiele zeigen, dass Agroforst bei weitem nicht nur der neueste Idealismus-Hype ist, sondern bereits Realität in der Schweizer Landwirtschaft – wenn auch noch viel zu selten.
Vorteile für Boden und Klima
Dass Bäume und Sträucher im Feld mehr leisten als reine Obst- oder Holzerträge, ist wissenschaftlich gut belegt:
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Wurzeln lockern den Boden und reichen tiefer als Getreide oder Gemüse. Sie holen Nährstoffe und Wasser aus Schichten, die für Flachwurzler unerreichbar bleiben.
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Laubfall und Schnittgut liefern organische Substanz – Nahrung für Bodenlebewesen, die Humus aufbauen.
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Beschattung reduziert die Verdunstung, der Boden bleibt länger feucht.
Studien zeigen: Böden in Agroforstsystemen enthalten bis zu 30 Prozent mehr organische Substanz und speichern doppelt so viel Wasser wie vergleichbare Flächen ohne Bäume. Agroforstsysteme können pro Hektar bis zu 3,5 Tonnen CO₂ jährlich binden und tragen damit zum Klimaschutz bei. Dazu kommt der Effekt stabilerer Mikroklimata: Schatten für Kühe, Windschutz für Felder, weniger Hitzestress für Pflanzen.

Skepsis und Potenziale
Trotz aller Vorteile stehen viele Landwirtinnen und Landwirte dem Agroforst skeptisch gegenüber. Die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten der Systeme und die Tatsache, dass sie produktiv und langfristig rentabel sein können, sind noch zu wenig bekannt. Zudem erfordern Bäume Investitionen, die sich nur zögerlich amortisieren. Obstbäume kommen erst nach Jahren in den Vollertrag, Wertholz kann erst nach Jahrzehnten geerntet werden.
Dennoch zeigen Modellrechnungen, dass Agroforstsysteme produktiver sein können als Monokulturen, wenn man die Ökosystemleistungen mitrechnet: bessere Bodenfruchtbarkeit, höhere Wasserspeicherung, zusätzliche Erträge durch Holz, Früchte oder Nüsse. Besonders im Zusammenhang mit Beiträgen für biologische Qualität werden Agroforstsysteme wirtschaftlich interessant. Hier setzt die Arbeit von Agridea an, die Agroforst-Versuche in der Schweiz begleitet. Auf sotoso.org/agroforst erfährst du mehr zu dem Thema.
Blick in die Zukunft
Am Ende geht es um die Frage: Welchen Boden hinterlassen wir den nächsten Generationen? Agroforstsysteme liefern eine Antwort, die nicht nur theoretisch, sondern sehr praktisch ist. Mehr Vielfalt, mehr Stabilität, mehr Resilienz im Boden, im Klima, in der Landwirtschaft. Und vielleicht auch in unserem Denken: Statt den schnellen Ertrag zu suchen, lernen wir wieder, in Zeiträumen von Jahrzehnten zu planen. Bäume erinnern uns daran, dass Landwirtschaft nicht nur für die nächste Ernte da ist, sondern für die nächsten Generationen. Wir freuen uns auf wachsende Agroforst-Begeisterung in der Schweiz!
Agroforst trifft Waldküche

Wie schmeckt ein Agroforst? Finde es heraus! Die jungen Köch:innen des FoodLab 2025, gemeinsam mit dem visionären Koch Carlos Navarro, servieren im Rahmen des Soil to Soul Symposiums kreative Gerichte, inspiriert von Bäumen, Sträuchern, Pilzen und Waldpflanzen. Ob ein herzhafter Lunch oder ein feiner Snack zwischendurch – hier kannst du die Vielfalt des Agroforsts schmecken, riechen und erleben.