Die Artenvielfalt braucht bodenständige Hilfe – ja zur Biodiversität

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Die Vorzeichen für den Erhalt der Artenvielfalt auf unserem Planeten und besonders in landwirtschaftlich genutzten Böden waren schon besser – desto wichtiger, dass wir alle unser Möglichstes tun.

Artenvielfalt macht widerstandsfähig. Das betrifft nicht nur die Ökosysteme der Welt, sondern auch jenen Teil der Natur, den der Mensch als Lebensgrundlage für sich nutzt. Monokulturen von Weizen, Mais, Kartoffeln und was wir an Kalorienlieferanten so benötigen, tun dem Boden auf lange Sicht nicht gut. Denn Kulturen mit nur wenigen unterschiedlichen Arten verarmen genetisch und werden anfälliger gegenüber Krankheiten. Die Folge ist vermehrter Einsatz von Chemie gegen störende «Unkräuter» und «Schädlinge», die sich unkontrolliert vermehren.

Parallel verarmen Böden, auf denen vor allem Monokulturen angebaut werden: Im Mikrobiom eines konventionell landwirtschaftlich genutzten Bodens leben wesentlich weniger Mikroorganismen als in einem Boden, der nach den Grundsätzen der regenerativen Agrikultur bebaut wird. Ein Boden mit artenreichem Biom ist jedoch viel besser darin, den auf ihm gedeihenden Pflanzen Nährstoffe und Feuchtigkeit zur Verfügung zu stellen. Weshalb verarmende Böden künstlich fitgespritzt werden müssen, um ihre Leistung zu erbringen. Es fahren Maschinen auf, es werden industrielle Produkte in den Boden eingebracht, die Verarmung nimmt ihren Lauf.

Die Schweizer NGO Pronatura hält beunruhigende Tendenzen fest:

  • Ein Drittel aller untersuchten Tier- und Pflanzenarten ist bedroht.
  • Moore haben seit 1900 einen Flächenrückgang von 82% erlitten.
  • Trockenwiesen und -Weiden sind im selben Zeitraum um 90% zurückgegangen.

Die Gründe für diese Entwicklung bei uns liegen wie überall auf der Welt an der Ausdehnung unseres Siedlungsraums und am wachsenden Platzbedarf für den motorisierten Individidualverkehr. Hinzu kommen erhöhte Stickstoffeinträge durch vermehrten Einsatz von Kunstdünger und sinkende Lebensraumqualität durch Bodenverdichtung, Pestizide und Erosion.

Im Gegensatz zur durch und durch politisierten Klimawandel-Problematik ist die zentrale Bedeutung von Artenvielfalt für unser Leben kaum umstritten. Dementsprechend trat die Schweiz 1995 dem internationalen Übereinkommen über die Biologische Vielfalt bei. Und doch werden Bestrebungen zum Schutz der Biodiversität von der Politik regelmässig blockiert oder zurückgedreht, bestehende Gesetze nicht angewandt. Denn Monokulturen und Überbauen von wertvollem Boden mögen nicht resilient sein, sie sind aber kurzfristig profitabler.

Pronatura fordert deshalb mit ihrer Biodiversitätsinitiative, die am 22. September zur Abstimmung kommt, «mehr Flächen mit einer Bewirtschaftung im Einklang mit der Biodiversität, mehr Schutzgebiete und mehr Gelder für die breitflächige Förderung von Biodiversität.»

Im Hinblick auf die Erhaltung oder der Artenvielfalt gibt es durchaus Erfolge vorzuweisen, und es ist noch nicht aller Tage Abend. Es gebe sie beispielsweise bei Libellen und Amphibien, bei denen sich die Gefährdungssituation verbessert habe, schrieb die NZZ 2023 anlässlich der Veröffentlichung eines Berichts des schweizerischen Bundesamtes für Umwelt BafU. Gewisse Arten hätten davon profitiert, dass in den letzten Jahren für sie geeignete Lebensräume revitalisiert oder neu angelegt worden seien, zitiert der Artikel BafU-Vizedirektorin Franziska Schwarz. Weiter wurden unter der Ägide des BafU in den letzten zehn Jahren 156 km Fliessgewässer revitalisiert (Bericht vom 22. Mai 2023) – ein Grossteil davon im Landwirtschafts- und Siedlungsgebiet des Mittellands. Auch das sind sehr gute Nachrichten, denn naturnahe Gewässer sind für den Erhalt der Biodiversität zentral. Rund 80 Prozent aller in der Schweiz bekannten Pflanzen- und Tierarten kommen in Gewässern und den direkt anliegenden Ufer- und Auenlebensräumen vor.

Die Schweizer Landwirtschaft ist sich der Aufgabenstellung ebenfalls bewusst: Wie der Bauernverband auf einer eigens publizierten Webseite schreibt, sei es «richtig, dass der Bund zurzeit einen nationalen Aktionsplan Biodiversität erarbeitet, der alle Bereiche miteinbezieht.» Die Landwirtschaft werde bei der Umsetzung Hand bieten, denn sie sei «auf eine reiche Biodiversität für die nachhaltige Produktion ihrer Lebensmittel angewiesen.» Namentlich bestäubende Insekten sind bei den Bauern durchaus im Fokus. Zu ihrem Gedeihen sollen die sogenannten Biodiversitäts-Förderflächen beitragen, für deren Anlage die Bäuerinnen und Bauern Direktzahlungen vom Bund erhalten. Damit ein Hof diese Gelder erhält, muss er den ökologischen Leistungsnachweis erfüllen. Also statt Monokulturen eine vielfältige Fruchtfolge einhalten und sieben Prozent seiner Fläche zur Förderung der Biodiversität bereitstellen. Das können extensive Wiesen, Buntbrachen, Ackersäume, Hochstammbäume, Hecken oder Asthäufen sein. Gemäss dem Bauernverband haben wir in der Schweiz immerhin 190‘000 ha solcher Biodiversitätsförderflächen. Einschränkend muss gesagt werden, dass niemand sich nur von Lebensmitteln aus der Schweiz ernähren kann und wir die Probleme mit der Artenvielfalt mithin an andere Länder auslagern.

Es wäre wichtig und erfordert beim Einkaufen ein gewisses Problembewusstsein, dass wir uns möglichst umfassend nur noch von Lebensmitteln ernähren, die bodenbewusst produziert werden; sie sollten bevorzugt aus biologischer oder biodynamischer Kultur stammen, idealerweise aus regenerativer Agrikultur. Denn: Dass eine Monokultur Mensch, wie sie in weiten Teilen der Welt bereits herrscht, für Krankheiten anfällig ist und am Ende wir ganz direkt zu leiden haben, das hat die Corona-Pandemie bereits bewiesen. Und mit der Vogelgrippe, die in der US-Landwirtschaft bereits auf Kühe übergegriffen hat, steht unseren Gesundheitssystemen die nächste grosse Prüfung ins Haus. Es ist Zeit, zu handeln, und es gibt ausreichend gute Gründe sich für die Biodiversität einzusetzen.

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